1. "Poesie ist Dynamit für alle Ordnungen dieser Welt."
    — Heinrich Böll
     

  2. Ungerahmtes Gesellschaftsportrait

    Wir spazieren auf den Straßen aus Zucker,
    Doch unsere Gesellschaft ist Diabetiker,
    Ihr schwadroniert von Werten in Geldbeträgen,
    Die Lautstärke steigt mit jedem Wort stetiger,

    Wir färben unsere Welt ein, in bunten Tönen,
    Doch unsere Städte bleiben Farbenblind,
    Während wir tanzend, frei, der Liebe frönen,
    Seid ihr des konservativen Geistes Kind.

    Zitieren Gedanken in Schwarz auf den Laternen,
    Sind der Dreck in eurer klinisch sauberen Welt,
    Vodka und klare Gedanken unter den Sternen,
    Ihr schlaft und arbeitet, akkumuliert euer Geld.

    Müssen nicht ans Meer fahren um den Strand zu sehen,
    Euren Wohlstand? Uns reicht bereits das Dopamin,
    Es reicht schon, einfach mal den Pflasterstein zu heben,
    Kugelschreiber, Notizheft, unser Amphetamin.

    Alljene Grenzen verschwinden in morgendlicher Normative,
    Leben ist die Differenz aus Musik, Text, Freiheit und Freude,
    Für euch sind wir exzentrisch, radikal, bürgerlich Tagediebe,
    Nenne es Kunst oder Dada, Philosophie, die erste große Liebe.

     

  3. "Das Vermächtnis der Toten heißt nicht: Rache – es heißt: nie wieder."
    — Erich Maria Remarque
     

  4. Der Tag, an dem das Denken aus der Mode kam

    Es war einmal, als eine Stund gar sechzig Minuten zählte,
    Marschierten Menschentrauben auf dem Trottoir an mir vorbei,
    Als der brave Bürger, keine schönen Farben mehr wählte,
    Verschwanden ganze Städte in einem braunen Einheitsbrei,
    Es war der Tag, an dem das Denken aus der Mode kam,

    Eure Moral ist wie der Schnee an diesem Wintertage,
    So schien es, wärmt man sie auf, schmilzt sie dahin,
    Tragt euren Verstand voller Freuden nur zu Grabe,
    Lächelt nur! Aus euren Augen, aus eurem Sinn!

    Warum nur, liebt ihr solcherlei kotbraune Farben,
    Keine Blumen stecken mehr auf euren Gewehren,
    Ihr denkt, fühlt nicht, gehorcht nur, kein hinterfragen,
    Was interessiert es euch, der Geschichte lehren,

    Denn sterben ist des Menschen höchste Freude,
                  Auch in den Schulbänken tönen laut die Worte,
    Am besten gleich in Millionenfacher Zahl,
                  Seid ihr denn Blind, ja seht ihr nicht, alljene Morde,

    Nichts gewusst, euch ist’s egal, nicht eure Sorge.
                  Es war der Tag an dem das Denken aus der Mode kam.

     

  5. drowning-in-the-fountain-of-life said: Hast du eigentlich schonmal daran gedacht an einem Poetry-Slam teilzunehmen? Ich glaube manche von deinen Texten kämen da echt gut :) Toller Blog!

    Merci :) Habe durchaus bereits daran Gedacht mich auf die Bühne des Poetry-Slams zu wagen, nur hat sich bisher noch keine wirkliche Möglichkeit dazu ergeben, da ich erst nächstes Jahr in eine etwas größere Stadt ziehen werde zwecks eines Studiums ;) Auch war immer meine Frage bei Poetry-Slams ob ich nicht durch die Aussprache und Betonung bereits dem Leser einen Teil der Eigeninterpretation nehme, da Sätze anders betont eine ganz andere Bedeutung entwickeln können. Freut mich, dass dir mein Blog gefällt, habe gerade auch ein wenig in deinen hereingeschaut, mir gefällt dieser :) 

     

  6. Die Durchschnittsreihenhausgesellschaft

    Eines Abends, und es war schon zu später Stunde,
    Saß der Durchschnitt im Esszimmer bei einem Kakao,
    Alleine, nach einem Arbeitstage, in gemütlicher Runde,
    Schlürfte er und dachte nicht, es lief die Tagesschau,

    Müller hieß er, und das beileibe, gefiel dem Durchschnitt sehr,
    Drei Menschen während eines Unfalles verletzten sich schwer
    Während dieser Botschaften, aß Müller seinen Käsetoast,
    Eilmeldung, vor Lampedusa kentert ein Flüchtlingsboot

    Des Durchschnitts Müller, der ist apolitisch und unkompliziert,
    Den Fußball mag er, auch Sonntage, Karohemden hat er zwei,
    Die Lebensmaxime wäre gar, wer nie wagt, der nicht verliert,
    Er wählt das, was schon alle wählten und wählt die größte Partei,

    Müller aus dem Mittelwege, man laufe an seinem Fenster vorbei,
    Fragend, wie er so werden konnte, nur denkend ist man frei,
    Er ist für und auch gegen nichts, kritisieren konnte er nie,
    Ist er nun Mensch oder Maschine? Die Tagesschau ist vorbei.

    Müller, der nie den ersten Stein warf,
    Müller, der Urlaub an der Nordsee macht,
    Müller, aus dem Einfamilienreihenhaus,
    Müller, der einen Bürojob frönt,

    Müller, der Teilzeitsexist und Alltagspatriarch,
    Müller, der Durchschnittsdreierschüler,
    Müller, ein Monogam des Spießbürgertums,
    Müller, dem das fehlende Reimschema nicht auffällt.

    Freiheit, Liebe, Anarchie!