1. Ungerahmtes Gesellschaftsportrait

    Wir spazieren auf den Straßen aus Zucker,
    Doch unsere Gesellschaft ist Diabetiker,
    Ihr schwadroniert von Werten in Geldbeträgen,
    Die Lautstärke steigt mit jedem Wort stetiger,

    Wir färben unsere Welt ein, in bunten Tönen,
    Doch unsere Städte bleiben Farbenblind,
    Während wir tanzend, frei, der Liebe frönen,
    Seid ihr des konservativen Geistes Kind.

    Zitieren Gedanken in Schwarz auf den Laternen,
    Sind der Dreck in eurer klinisch sauberen Welt,
    Vodka und klare Gedanken unter den Sternen,
    Ihr schlaft und arbeitet, akkumuliert euer Geld.

    Müssen nicht ans Meer fahren um den Strand zu sehen,
    Euren Wohlstand? Uns reicht bereits das Dopamin,
    Es reicht schon, einfach mal den Pflasterstein zu heben,
    Kugelschreiber, Notizheft, unser Amphetamin.

    Alljene Grenzen verschwinden in morgendlicher Normative,
    Leben ist die Differenz aus Musik, Text, Freiheit und Freude,
    Für euch sind wir exzentrisch, radikal, bürgerlich Tagediebe,
    Nenne es Kunst oder Dada, Philosophie, die erste große Liebe.

     

  2. "Das Vermächtnis der Toten heißt nicht: Rache – es heißt: nie wieder."
    — Erich Maria Remarque
     

  3. Der Tag, an dem das Denken aus der Mode kam

    Es war einmal, als eine Stund gar sechzig Minuten zählte,
    Marschierten Menschentrauben auf dem Trottoir an mir vorbei,
    Als der brave Bürger, keine schönen Farben mehr wählte,
    Verschwanden ganze Städte in einem braunen Einheitsbrei,
    Es war der Tag, an dem das Denken aus der Mode kam,

    Eure Moral ist wie der Schnee an diesem Wintertage,
    So schien es, wärmt man sie auf, schmilzt sie dahin,
    Tragt euren Verstand voller Freuden nur zu Grabe,
    Lächelt nur! Aus euren Augen, aus eurem Sinn!

    Warum nur, liebt ihr solcherlei kotbraune Farben,
    Keine Blumen stecken mehr auf euren Gewehren,
    Ihr denkt, fühlt nicht, gehorcht nur, kein hinterfragen,
    Was interessiert es euch, der Geschichte lehren,

    Denn sterben ist des Menschen höchste Freude,
                  Auch in den Schulbänken tönen laut die Worte,
    Am besten gleich in Millionenfacher Zahl,
                  Seid ihr denn Blind, ja seht ihr nicht, alljene Morde,

    Nichts gewusst, euch ist’s egal, nicht eure Sorge.
                  Es war der Tag an dem das Denken aus der Mode kam.

     

  4. drowning-in-the-fountain-of-life said: Hast du eigentlich schonmal daran gedacht an einem Poetry-Slam teilzunehmen? Ich glaube manche von deinen Texten kämen da echt gut :) Toller Blog!

    Merci :) Habe durchaus bereits daran Gedacht mich auf die Bühne des Poetry-Slams zu wagen, nur hat sich bisher noch keine wirkliche Möglichkeit dazu ergeben, da ich erst nächstes Jahr in eine etwas größere Stadt ziehen werde zwecks eines Studiums ;) Auch war immer meine Frage bei Poetry-Slams ob ich nicht durch die Aussprache und Betonung bereits dem Leser einen Teil der Eigeninterpretation nehme, da Sätze anders betont eine ganz andere Bedeutung entwickeln können. Freut mich, dass dir mein Blog gefällt, habe gerade auch ein wenig in deinen hereingeschaut, mir gefällt dieser :) 

     

  5. Die Durchschnittsreihenhausgesellschaft

    Eines Abends, und es war schon zu später Stunde,
    Saß der Durchschnitt im Esszimmer bei einem Kakao,
    Alleine, nach einem Arbeitstage, in gemütlicher Runde,
    Schlürfte er und dachte nicht, es lief die Tagesschau,

    Müller hieß er, und das beileibe, gefiel dem Durchschnitt sehr,
    Drei Menschen während eines Unfalles verletzten sich schwer
    Während dieser Botschaften, aß Müller seinen Käsetoast,
    Eilmeldung, vor Lampedusa kentert ein Flüchtlingsboot

    Des Durchschnitts Müller, der ist apolitisch und unkompliziert,
    Den Fußball mag er, auch Sonntage, Karohemden hat er zwei,
    Die Lebensmaxime wäre gar, wer nie wagt, der nicht verliert,
    Er wählt das, was schon alle wählten und wählt die größte Partei,

    Müller aus dem Mittelwege, man laufe an seinem Fenster vorbei,
    Fragend, wie er so werden konnte, nur denkend ist man frei,
    Er ist für und auch gegen nichts, kritisieren konnte er nie,
    Ist er nun Mensch oder Maschine? Die Tagesschau ist vorbei.

    Müller, der nie den ersten Stein warf,
    Müller, der Urlaub an der Nordsee macht,
    Müller, aus dem Einfamilienreihenhaus,
    Müller, der einen Bürojob frönt,

    Müller, der Teilzeitsexist und Alltagspatriarch,
    Müller, der Durchschnittsdreierschüler,
    Müller, ein Monogam des Spießbürgertums,
    Müller, dem das fehlende Reimschema nicht auffällt.

    Freiheit, Liebe, Anarchie!

     
  6. Vor einigen Wochen war ich abermals mit Lulienne in Berlin, mit einer Gedankenleere dort angelangt, füllte sich die imaginäre Leinwand mit allerlei Impressionen und Worten, sodass ich wieder des Schreibens fähig wäre. Daraus resultierend auch der Versuch eine Reise mit einer guten Freundin in Bilder zu fassen, die letzten Tage bevor der große Abiturstress beginnt in den klassischen goldenen Bilderrahmen gebannt.

    In nuce - das große spiegelt sich im kleinen. Wie auch in der Literatur, so ist es auch bei den eigenen Gedanken der Fall, dass der erste Satz in gewisser Weise das ganze spiegelt, das erste Wort gleichzeitig als erster Pflasterstein fungiert, unter dem nicht nur der Strand, sondern eine ganze Welt bestehend aus Gedanken und Zeilen verborgen liegt. Wäre ich in der Situation gefangen, Berlin charakterisierend zu beschreiben, so würde ich tausende Worte, jedoch keines dieser Inflationär, verwenden, gar ist die meine Person der Ansicht, dass sich die Gesamtheit des Stadtgefühls nur durch das geschriebene Wort, nicht aber im Bild widerspiegeln lässt. Schreiben würde ich, ja schreiben, über die Abende an der Oranienstraße, einladend den Tag mit einem Café und Weltliteratur auf eine neue Ebene der Philosophie zu transferieren, alljene gesellschaftlichen Umstände zu hinterfragen und der Stadt einen großen Zerrspiegel vorzuhalten, der diese doch Antithetisch dazu liebenswert gestaltet. Berlin sei mehr schein als sein, das Bild vom undefinierbaren Künstlertum, welches aus zahlreichen Terminen und Vernissagen besteht, diese in Realexistenz jedoch nur Synonyme der Rechtfertigung eines Lebens außerhalb der gesellschaftlich definierten Normen in der eigenen Einzimmerwohnung seien. Das wäre eine der Kritiken, die man Berlin vorwerfen könne, doch ist die realexistierende Selbstverwirklichung nicht etwas positives? Ist es nicht das Streben nach Klang, Bild und Wort, in einer überdimensional großen blase des Hedonismus, die im philosophischen Berlin ausmachen. Ironie ist das Spiegelbild unserer Zeit, so wird auch in Berlin Geldwerte akkumuliert und die Rebellion vermarktet, die Worte eines Zynikers dürften diese Gedanken wohl treffen. Doch die meinen sind, dass Berlin vor allem eines ist, dialektisch. Das streben nach Authentizität und Existentialistischen steht nicht im Gegensatz zu sozialen Werten und einer Solidargesellschaft, diese Faktoren bedingen einander, erst eine Gesellschaft in der jeder das ausleben kann zu dem er des Strebens fähig ist, die ist frei. Berlin ist die kritische Masse sozialistischer ausgelebter Werte, zeitlos zugleich und vor allen dingen ein Sinnbild der Freiheit. Meine Gedanken zu dieser Stadt würden noch Seiten füllen, gar gebunden ein Buch ergeben, aber für dieses, so wurde mir beim passieren der Karl-Marx-Alle von einem vorbeifahrenden älteren Radfahrer suggeriert, als ich auf die Uhr starrte, habe ich noch Zeit, denn es sei noch früh. Auf dem Papier meiner Gedanken zeichnet sich ein Selbstportrait der Metropole während ich durch die Straßen lauft, es ist an uns, sie in Worte zu fassen. Doch sofern es stimmen mag, dass sich das Große im Kleinen spiegelt, so spiegeln sich nur wenige obig artikulierte Gedanken in diesen Photographien. Sie jedoch reichen bereits aus um eine Laudatio auf das gegenwärtige Berlin ausmalen zu können, auch um Auswirkung und Prämisse zugleich zu sein, warum mein Futur in Kreuzberg-Friedrichshain und Dahlem geschrieben werden wird.